Rettungswesten an Bremer Kirchtürmen setzen Zeichen

Aktualisiert: 18. Dez 2019

Die Bremische Evangelische Kirche und die Evangelische Jugend Bremen beteiligen sich an der Aktion "Rettungswesten an Kirchtürmen" und wollen damit die Arbeit des internationalen Aktionsbündnisses "Seebrücke" unterstützen. Am Sonntag, den 08. September 2019 begann der Auftakt der Aktion in vielen Gemeinden mit einem Gottesdienst, unter anderem auch im St. Petri Dom.


Dorina Diesing vom Vorstand der EJHB, brachte die Idee nach Bremen.

In einem Gottesdienst mit dm Titel "SOS Mittelmeer" begann am Sonntag die symbolische Solidaritätsbekundung für alle Geflüchteten, die die gefährliche Reise über das Mittelmeer auf sich genommen haben. Dorina Diesing, vom Vorstand der Evangelischen Jugend Bremen (EJHB) brachte die Idee nach Bremen. Der Vorstand und das Landesjugendpfarramt riefen die Kirchengemeinden dazu auf, sich an der Aktion, Rettungswesten an die Kirchtürme aufzuhängen, zu beteiligen. In einem Psalm-Slam während des Gottesdienstes führte sie die Schlagzeilen zu ertrunkenen Geflüchteten den Besucherinnen und Besuchern erneut vor Augen und fragte sich: Gott, wo bist du, wenn Du nicht auf den Booten und Schiffen bist, als Rettungsweste, als Leuchtturm, als Schutz vor dem Sturm?


Ist Gott schon so ohnmächtig wie wir?

Doris Nauland vom Verein für Ökumenische Ausländerarbeit "Zuflucht" e.V. berichtete, das seit Januar 2014, bereits über 17.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, 400 allein in diesem Jahr. Es sollte doch klar sein: Kein Mensch flieht ohne Grund.


Der Bremer Reeder Christoph Hempel steht Hinter dem Einsatz vieler Rettungsorganisationen, beobachtet aber die aktuelle Situation im Mittelmeer mit Sorge. Er verweist auf die Bedeutung der Seerechtskonferenz von 1910 in Brüssel (heutiger Sitz der Europäischen Union): Jeder Kapitän und jede Kapitänin hat die Verantwortung und Pflicht, Menschen aus der Seenot zu retten. Es kann nicht sein das Menschen, die ihrer Pflicht nachkommen, angst vor rechtlichen Konsequenzen haben müssen.


Der Bericht von Atef Ranjbar ließ die Gemeinde eintauchen in das, was Menschen erleben wenn sie bereit sind, den gefährlichen Weg über das Mittelmeer auf sich zunehmen. 2016 begann Atefs Flucht mit seiner Familie aus Afghanistan. Als christliche Minderheit waren sie in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher. Der Staat konnte sie nicht vor der islamistischen Taliban schützen. Von der Türkei aus brachten illegale Schlepper ihn und 45 weitere Menschen in einem viel zu kleinem Boot nach Europa. Das Boot war sehr alt und an vielen Stellen kaputt. Sie hatten Glück, dass Boot sank nicht. Er und uns seine Familie schafften den langen weg nach Europa.


Furcht ist nicht in der Liebe

In seiner Predigt erinnert Pastor Henner Flügger an die Geflüchteten des 2. Weltkriegs. Auch viele Deutsche waren es, die aus Pommern, Preußen, Schlesien und vielen anderen Regionen vor Krieg und Gewalt fliehen mussten oder vertrieben worden sind. Auch damals, so der Theologe, gab es eine große Willkommenskultur. Geflüchtete halten unserem Land nur den eigenen Spiegel vors Gesicht.

Die Bundesrepublik ist das Land mit der acht-höchsten Anzahl an internationalen Flüchtlingen sowie das Land mit der höchsten Anzahl an Asylbewerbern. Deutschland nimmt innerhalb der EU eine Vorreiter Rolle ein. Und das ist auch gut so. Es gilt das Gebot der Nächstenliebe. Schlussendlich stehe für alle fest: es gibt nichts zu bereuen.


Lennart Schuchaert

Henner Flügger, Dorina Diesing, Doris Nauland, Atef Ranjbar und Christoph Hempel (v.l)

Interview mit Julia Maurer von der "Seebrücke Bremen"


Hallo Julia, vielen Dank für das Interview. Du engagierst Dich ehrenamtlich in der „Seebrücke Bremen“. Was genau macht das Bündnis und was sind Deine Aufgaben?

Wir machen viel Öffentlichkeitsarbeit zu den Themen Flucht und Seenotrettung, organisieren Veranstaltungen, schreiben Zeitungsartikel und sind sehr präsent in Social Media, Gleichzeitig arbeiten wir politisch, stehen in Kontakt mit Lokalpolitiker*innen, zeigen in Aktionen was wir fordern, organisieren Demos. Wir haben dabei wenig fest zugeteilte Aufgabenbereiche - alle machen, was sie schaffen.


Warum engagierst Du Dich bei einem so emotionalen Bündnis? Was ist Deine Motivation?

So emotional ist das für mich gar nicht. Ich sehe meine Verantwortung in der globalen Gesellschaft und handle dementsprechend. Flucht gründet heute vielfach auf der (post-)kolonialen Ausbeutung, der Europa sich schuldig macht. Die Menschen daraufhin an unseren Grenzen abzuweisen, finde ich zynisch und heuchlerisch. Dass wir keinen Menschen auf der Flucht im Stich lassen sollten, während wir hier im Wohlstand leben, ist für mich selbstverständlich.


Was sind die größten Erfolge der Seebrücke?

In der öffentlichen Debatte zu diesen Themen finden vermehrt rechte Parolen und Argumente Gehör und denen setzen wir eine andere und differenziertere Stimme entgegensetzen. Das ist eine kleinteilige, aber wichtige Arbeit!

Politisch haben wir durchgesetzt, dass ein Landesaufnahmeprogramm im neuen Koalitionsvertrag festgelegt wurde. Mit dem Programm können Flüchtende z.B. aus libyschen Internierungslagern direkt in Bremen aufgenommen werden. Wir feiern diesen Erfolg, sobald die Menschen tatsächlich hier ankommen.


Was sind die zukünftigen Herausforderungen Deiner Meinung nach für die Seebrücke bzw. die Seenotrettung im Allgemeinen?

Leider bleiben unsere Herausforderungen seit Beginn an aktuell. Die Seenotrettung wird kriminalisiert, Rettungsschiffe werden beschlagnahmt, den Aktivist*innen drohen Anklagen. Wir arbeiten dagegen an – und müssten gleichzeitig vermehrt dafür kämpfen, dass die europäischen Staaten ihrer Verantwortung gerecht werden: wieder europäische Seenotrettungsprogramme einsetzen, die Zusammenarbeit mit der sogenannten „libyschen Küstenwache“ unterlassen, ihren Reichtum nicht auf Rüstungsexporten und Kriegsgewinnen aufbauen, den Klimawandel als zunehmende Fluchtursache bekämpfen,… es gibt viel zu tun!


Wenn Du Dir von der Politik etwas wünschen dürftest, was wäre das?

Diese Aufgaben ernst zu nehmen. Menschenleben und -rechte höher zu werten als ihre Profitorientierung. Und zwar die aller Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Nationalität und Hautfarbe!


Mehr Informationen zur Seebrücke findest Du hier: www.seebruecke.org


Das Interview führte Lennart Schuchaert

Diese Gemeinden sind bei der Aktion dabei!

Die folgenden Gemeinden beteiligen sich bei der Aktion und haben Rettungswesten an ihren Kirchtürmen oder Kirchmauern angebracht:


  • Andreas Gemeinde

  • Aumund reformiert

  • Christopherus Gemeinde

  • Gröpelingen und Oslebshausen

  • Markus-Gemeinde

  • Martin-Luther-Gemeinde Findorff

  • Melanchton Gemeinde

  • Rönnebeck-Farge reformiert

  • St. Ansgarii

  • St. Lukas Gemeinde

  • St. Michaelis-St. Stephani

  • St. Petri Dom

  • Vahr


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